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Stürmisches Wachstum

 

Aus: DIE ZEIT Nr.15 vom 6. April 2005, Ressort WIRTSCHAFT

Stürmisches Wachstum

In Spanien boomt die Windenergie. Das Land verfügt über exzellente Standorte in kaum besiedelten Regionen. Von Peter Korneffel

Die besten Argumente für die Windkraft liefert das Wetter. Zumindest in Spanien und zumindest manchmal. Zum Beispiel am Abend des 27. Januar 2005, eines der kältesten Tage des Jahres: Exakt um 19.57 Uhr heben sich gleichzeitig Millionen Garagentore, gleiten ungezählte Fahrstühle auf und ab, flimmern allerorten die Fernsehgeräte, wärmen Elektroheizungen Tausende Wohnungen und hüpfen zigtausend dampfende Brotscheiben aus den Toastern der Nation. Um 19.57 Uhr saugen 41 Millionen Spanier 43 708 Megawatt Leistung aus dem spanischen Stromnetz. Ein neuer Rekord.

Zum Glück erreichte die polare Kältewelle Südeuropa im Verein mit dem Wind. Und dieser blies so heftig in die Rotoren der 400 in Spanien betriebenen Windparks, dass sie 5600 Megawatt (MW) an das Stromnetz abgaben. Das entspricht der Leistung der sechs größten spanischen Atomkraftwerke. Damit produzierten die Mühlen 13 Prozent des Stroms im Moment der historisch größten Nachfrage. Im Durchschnitt des vergangenen Jahres lieferten Spaniens Windmühlen immerhin 6 Prozent der Elektrizität.

Spaniens Windbranche boomt. Im vergangenen Jahr überholten die spanischen Betreiber der Rotoren sogar die deutschen und feierten sich mit einer neu ans Netz gebrachten Leistung von 2061 MW als »Windweltmeister 2004«.

Der Zuwachs kommt nicht von ungefähr, denn das Geschäft ist lukrativ. Spaniens »Sonderverordnung« für die Vergütung erneuerbarer Energien garantiert den Windanlagenbetreibern langfristig einen Erlös von rund 7 Cent pro Kilowattstunde. Das ist zwar weniger als in Deutschland, doch bei 2400 Volllaststunden pro Jahr (Deutschland: 1800) leben die Windmüller in Spanien gut damit. Der Abnahmepreis für Windstrom setzt sich zu etwa gleichen Teilen aus dem variablen Marktpreis der Stromerzeuger und der Sondervergütung zusammen. Durch eine Umlage auf die Privathaushalte haben die Bürger dafür im vergangenen Jahr gut eine halbe Milliarde Euro gezahlt, rund einen Euro pro Person und Monat.

Seit Jahren nutzen große spanische Stromkonzerne wie Iberdrola und Endesa diesen Einspeisemechanismus für ihr Geschäft mit dem Wind; sie verfügen heute über 60 Prozent Marktanteil.

Derweil betätigen sich Großbanken wie die Banco Bilbao Vizcaya Argentaria (BBVA) meist als Finanziers der Wind-Projekte. BBVA hält obendrein eine Beteiligung von 13 Prozent an dem führenden Windanlagen-Hersteller Gamesa (siehe Kasten). In jüngster Zeit setzen auch immer mehr kapitalstarke Baukonzerne auf die erneuerbaren Energien. Der Bauriese Acciona kaufte die Corporación Energía Hidroeléctrica de Navarra (EHN) im Dezember gleich komplett auf.

Tatsächlich sind Spaniens Standortbedingungen für die Windkraftnutzung nahezu ideal: Das starke Wirtschaftswachstum (2004: 2,7 Prozent), genährt von einem langjährigen Bauboom, hat den Stromverbrauch seit 1997 um 47 Prozent emporschnellen lassen. Öl, das in Strom umgewandelt werden kann, müsste vollständig importiert werden.

Da ist es fast ein Glück, dass Spanien über exzellente Windstandorte in kaum besiedelten Landstrichen verfügt. Die meisten Spanier betrachten Windparks nicht als Errungenschaft des Umweltschutzes; ebenso wenig ärgern sie sich über die »Verspargelung der Landschaft«. Windparks stehen im Lande Don Quijotes für Fortschritt und Moderne. Und für Arbeitsplätze. Direkt und indirekt sorgen die Rotoren für 80 000 Jobs. Spaniens Umweltministerin Cristina Narbona gilt die Windenergie auch als ein Instrument des Klimaschutzes. Zwar erlaubt das Kyoto-Protokoll dem Land einen Anstieg des CO2-Ausstoßes bis 2010 um 15 Prozent gegenüber 1990. Doch Spanien verzeichnet bereits heute einen Zuwachs um 45 Prozent. Dabei trifft die globale Erwärmung keine andere Region Europas gnadenloser als die Iberische Halbinsel. Nicht umsonst setzen die Branchenverbände der Windenergie deshalb auf weiterhin gute Geschäfte.

Probleme bereiten ihnen allerdings fehlende »Backup«-Fabriken, die auch dann Strom liefern, wenn der Wind einmal nicht weht - so, wie am Abend des 1. März: Wieder war es kalt geworden in Spanien, wieder stieg der Stromverbrauch auf über 40 000 Megawatt. Doch anders als am 27. Januar flaute der Wind ab – und die Staudämme des Landes führten nur wenig Wasser. Um den drohenden Blackout zu verhindern, kappten die Spanier 180 Betrieben die Stromzufuhr und importierten obendrein Strom aus dem Ausland. Französischen Atomstrom.

 

 

 

Marktführer Gamesa

Der führende spanische Windanlagenhersteller Gamesa aus Vitoria-Gasteiz im Baskenland baut seit 1994 Windmühlen. Im vergangenen Jahr konnte der Technologiekonzern mit 1594 Megawatt verkaufter Windleistung einen neuen Rekord aufstellen und sich im internationalen Vergleich sogar vor dem deutschen Marktführer Enercon und der amerikanischen General Electric platzieren. An der Weltspitze vor Gamesa liegt nun nur noch das dänische Unternehmen Vestas, ein ehemalige Partner von Gamesa. Die im spanischen Börsenindex IBEX 35 notierte Gamesa konnte ihren Gewinn im vergangenen Jahr um fast 10 Prozent auf 221 Millionen Euro steigern. Während sich der Gewinn nach Auskunft der Firmenleitung zunächst »konsolidieren« werde, will Gamesa im Jahr 2005 beim Umsatz um weitere 29 Prozent zulegen.

Deutsche Hersteller wie Enercon, REpower und Nordex fassen bisher sehr schwer Fuß in Spanien; Gamesa geht es in Deutschland allerdings nicht besser. Nur einen einzigen Windpark mit einer Leistung von 13,7 Megawatt (MW) konnten die Spanier hierzulande bisher errichten. Langfristig planen die Basken allerdings, in Deutschland 665 MW ans Netz zu bringen. Es wird sogar an eine Fertigung der Rotoren in Deutschland gedacht. Das Technologieunternehmen, das auch über eine kleinere und wirtschaftlich angeschlagene Luftfahrtabteilung verfügt, beschäftigt derzeit rund 4800 Mitarbeiter in seiner Windbranche. Von 2006 an will Gamesa auch in den USA produzieren und montieren.

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