Reportagen

Beckenbauers Brot
Schiffsunglücke
Stürmisches Wachstum

 

Aus: EINE WELT , März 2005

Beckenbauers Brot

Der deutsche Journalist Peter Korneffel lebte von 1994 bis 2001 im südamerikanischen Ecuador und hat dort vieles gelernt, auch über das Bild des Deutschen im Ausland. Erlebnisse einer ungeahnten Gnade.

"Hitler!" Ein plötzliches Schweigen benetzte die Ladentheke. "Hitler, wo steckst du?" Es war ein ansonsten sonniger Morgen in der ecuadorianischen Hauptstadt Quito. Die Anden grüßten in der Pracht ihres weißen Gletscherkleides. Blauer Himmel. Beste Fernsicht. Selbst die Kolibris steckten ihre Nasen schon früh in die bescheidene Blütenpracht des Hochlandes. "Hitler, haben wir noch Luftpumpen im Lager?"

Hatte dieses Sportgeschäft leider nicht, nicht für Fußbälle, nicht für Fahrräder: "Nein, Pumpen sind nicht mehr da", berichtet ein etwas schüchterner, vielleicht 16-jähriger Lagerarbeiter im Erdgeschoss dieses wuchtigen Hochhauses an der Avenida Colón. Nun, zu Hause lag der platte Ball.

Doch etwas anderes stimmte mich jetzt nachdenklich: "Verzeihe, aber heißt du wirklich Hitler? Ich meine, mit Vornamen." Der Junge blickte hoch zu seinem Chef. Dann zu mir. "Ja, wieso?" Hitler schaute mich an, als hätte ich gefragt, ob er tatsächlich gerne Schokolade esse. "Hitler war doch ein berühmter Herrscher. Ein Deutscher", erinnerte mich Hitler. Ja. Dieser Junge wusste schon so einiges. Auf welche Weise jener Herrscher zu seiner Berühmtheit kam, hatte ihm hingegen niemand erzählt. Und auch mir war nicht nach Belehrungen. Was konnte der Junge schon für seinen Vornamen?!

In Ecuador sind Namen wichtig, große Namen, ob vererbt oder von stolzen Eltern ins Taufbuch geschrieben. Christoph Baumann stammt aus Kempen am Niederrhein. Er ist nun in der Tat blond und fast zwei Meter hoch. Christoph ist Schauspieler in Ecuador, mal solo auf der Bühne und mal gemeinsam mit seiner ecuadorianischen Frau. Doch sein erstes großes Fernseh-Engagement in Ecuador erhielt er in einer satirischen Seifenoper. Christoph spielte dort einen ausgewanderten Deutschen in Ecuador, der in einem armen Stadtviertel eine kleine Werkstatt führte und Kühlschränke reparierte.

Laut Drehbuch gab er einen staksigen, ordnungsliebenden und immer engagierten Deutschen. Die Produktion mit dem lustigen Klischee-Teutonen hatte enorme Einschaltquoten. Und Christoph hatte jahrelang enorme Probleme, in der Öffentlichkeit von seiner Rolle und seinem Fernsehnamen wieder loszukommen. Denn überall, wo er auftauchte, erkannten sie den langen Rheinländer und nannten ihn wie in der Serie: "Beckenbauer". Beckenbauer-Deutschland-Technik, das funktioniert. "Mir haben auch schon Zuschauer und Nachbarn ihre defekten Kühlschränke bringen wollen...", erzählt Christoph Baumann, der Jahre später in Ecuador eine Bäckerei eröffnet. Und jetzt macht er aus dem Ruf ein Geschäft: Denn der Laden verkauft prächtig und heißt natürlich "El Pan de Beckenbauer".

Mittlerweile hat sich auch der Name "Schumacher" in der ersten Startreihe der Wahrnehmung Deutscher platziert. Ein berühmter Rennfahrer aus "Alemania" war ja schon lange überfällig. Denn keine Autos stehen in Ecuador in höherem Ansehen als germanische Edelmarken Mercedes oder BMW. Dabei gibt es durchaus teurere und protzigere Fahrzeuge auf Ecuadors Straßen als jene aus Süddeutschland.

Und vor alle dem gibt es mehr als neun Zehntel der Bevölkerung, die sich überhaupt kein Auto leisten können, nicht von Mercedes und nicht von Kia.

Das Bildungsniveau im Land ist zwar allgemein niedrig. Doch schon Jugendliche wissen von Volkswagen und 5er-Reihen zu erzählen, von Siemens und von Bosch. Oft sehen Ecuadorianer uns Deutsche als Könige der Technik, als Vorbilder der Entwicklung, als Boten einer funktionierenden modernen Welt: unbestechlich, zielstrebig, perfekt.

So werden wir in ein scheinbar ewig positives Licht gerückt, als seien wir Deutsche stets auf der richtigen Spur: selbst in gelegentlichen Rückrufaktionen deutscher Automobilkonzerne entdecken Ecuadorianer zunächst den leidenschaftlichen Hang zur Präzision und die Aufrichtigkeit der deutschen Hersteller.

Sportlich ernten wir vergleichbares Verständnis: Man sorgt sich auf dem südamerikanischen Äquator durchaus um den Zustand der deutschen Fußballnationalmannschaft, nicht gerade um den der brasilianischen oder der englischen.

Nur wenige Ecuadorianer entdecken Schlechtes in Deutschen. Und nur wenige entdecken schlechte Deutsche. So kam auch Hitler zu seinem berühmten Vornamen. Und so kam ich in den sieben Jahren meines Lebens in Ecuador zu zahlreichen Begegnungen, geprägt von einem manchmal unheimlichen Grundvertrauen, von Respekt bis hin zu gelegentlicher Unterwürfigkeit.

Dieses Überimage der Beckenbauers und Schumachers, das wir bei jeder Tankstelleneinfahrt scheinbar auf der Haube kleben haben, gesellt sich zu einer Neugier der Ecuadorianer an uns und unserem historischen Schicksal. "Wieso ward ihr denn vorher zwei Deutschlands?", war eine ihrer häufigsten Fragen über meine Heimat. Die von mir zitierten Kriegsverbrechen haben dann viele verwirrt. Doch dass wir so viele Jahre mit dieser unheimlich langen Mauer im Land leben mussten, das besorgt viele Ecuadorianer.

Denn wir Deutschen können doch ohne Zweifel Intelligenteres bauen. Zum Beispiel schöne Häuser. Als ich meine kleine Finca mit Handwerkern aus der Nachbarschaft umbaute, war ich im Nu nicht nur der Bauherr, sondern auch der Architekt und leitende Ingenieur. Dabei war es meine erste Baustelle, und die Handwerker waren hervorragende Leute.

Trotzdem baten sie mich nach dem getanen Werk um eine Bescheinigung, dass sie bei einem Deutschen am Haus gearbeitet haben. Vorsichtig fragten sie, ob ich nicht noch andere Deutsche kenne, die ein Treppenhaus oder einen Kamin bräuchten oder zumindest einen Tisch. Zum Abschluss der Baumaßnahme konnte ich mich revanchieren. Es war der 1. Mai, ein Feiertag, wie fast überall auf der Welt. In Ecuador ist es der "Dia del Maestro", der "Tag des Meisters". Jetzt konnte ich eine echte deutsche Tradition einführen, diesen 1. Mai als Tag der Arbeit und des Arbeiters zu begehen. Wir feierten ein berauschendes Fest.

Einige Tage später stand eine alte Frau mit ihrer Kuh an der Leine vor meinem Gartentor, ein Indianerin aus ärmsten Verhältnissen. Sie sprach mich mit "patrón" an, der alten Bezeichnung für den vermeintlichen "Beschützer", den Haziendabesitzer. "Patroncito, tu' mir einen Gefallen", sagte die Alte etwas flehentlich - ich fühlte mich wie in einem Märchen, "und verkaufe mir etwas von deinem Gras. Es steht doch so hoch auf deiner Finca."

Sie hatte natürlich Recht. Das Gras war zu hoch und konnte sogar Schlangen Unterschlupf bieten. Aber das Gras war unverkäuflich. Erst als ich der Frau erklärte, dass es auch für mich von großem Nutzen wäre, wenn sie dieses Gras schneide, war sie bereit, es als Geschenk anzunehmen. Sie schickte der Himmel.

Diese hohe Achtung erfahren in Ecuador nicht nur Deutsche, sondern Ausländer und Wohlhabende im Allgemeinen. Es steckt bis heute tief in den einfachen Menschen, vor allem auf dem Land. In Menschen, die über Generationen im Frondienst der großen Haziendas lebten. Dennoch kommt uns Deutschen heute eine ganz unverhoffte Gnade entgegen, nämlich die des Europäers.

"Hello, Mister!" kokettieren Jugendliche gerne mit den Ausländern, die sie recht pauschal für Nordamerikaner halten. Amerikaner mögen sie nicht. Und gleichzeitig lieben sie sie, zumindest lieben sie amerikanische Turnschuhe und jene weltumspannenden Weichbrötchen mit dem unter eine Scheibe Käse gedrängten flachen Hackbraten in Tomatensoße.

Bei Deutschen ist das etwas anderes. Was wir typischerweise essen, weiß fast niemand in Ecuador. Allenfalls Bratwurst und Sauerkraut. "Aber Olli Kahn ist ein großer Torwart!" Und Volkswagen hat jetzt auch einen Geländewagen gebaut.

Deutsch zu sein, bedarf es wenig. Wenn man es einmal in seinem Pass stehen hat. Und selbst jenen Ecuadorianern, die anderes im Kopf haben, als ein angeregtes Gespräch über die Abwehrkette im Olympiastadion zu führen, sind die Deutschen nicht ganz geheuer. Etwa jenen korrupten Verkehrspolizisten, die mich im Laufe der Jahre mehrfach verhaftet hatten, weil ich in unbeschilderte Einbahnstraßen gebogen bin oder schlicht meine Papiere zuhause vergessen hatte. Diese Wegelagerer in Uniform wollten Geld. Für die Hosentasche und ohne Beleg.

Die deutsche Formel "ohne Knöllchen kein Scheinchen" führte mich mehrfach in polizeiliches Gewahrsam und auf den direkten Weg ins Gefängnis. Doch wir kamen dort niemals an. Immer haben sie mich vorher freigelassen. Und ich bin bis heute nicht ganz sicher, ob sie wegen meines Presseausweises und meiner Akkreditierung im ecuadorianischen Innenministerium nachgegeben hatten. Oder weil ich die Sache im Falle einer Inhaftierung auf jeden Fall mit der deutschen Botschaft besprechen wollte. Kaum etwas kann einen korrupten Streifenpolizisten in Ecuador mehr aus dem Tritt bringen, als ein paragraphentreu auftretender Deutscher.

Natürlich sind Deutsche in Ecuador nicht ganz untätig gewesen. Etwa der große Geologe und Naturforscher Alexander von Humboldt hat mit seiner friedlichen Entdeckungsreise durch Lateinamerika einen bleibenden Eindruck hinterlassen. In Ecuador ist er berühmt, in den Wissenschaftskreisen wird er bis heute verehrt.

Selbst heutzutage geben deutsche Institutionen in Ecuador offizielle Veranstaltungen über Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Es referieren Deutsche über Transparenz und Gleichheit vor dem Gesetz. Solche Initiativen und das verbreitete Bild vom guten Deutschen schaffen in einem der korruptesten Länder der Welt Vertrauen. "Es wäre vielleicht gut, wenn die Deutschen die Kontrolle über unsere Politiker und über die öffentlichen Kassen übernehmen würden", hörte ich mehr als nur einmal in Ecuador. Und es war – wenn auch wenig durchdacht - ernst gemeint. Genau so ernst, wie die Abschaffung der Landeswährung und Einführung des Dollars vor fünf Jahren. Besser ohne eigene Währung als noch mal so hohe Inflation.

Durch die weitgehend positiven Vorurteile von Ecuadorianern gegenüber uns Deutschen werden wir reichlich mit Sympathie und Toleranz beschenkt. Ausnahmen bestätigen die Regel. Selbst die provokant informelle Kleiderordnung der Deutschen und die gelegentlich große Klappe rütteln kaum an diesem Image.

Mein Patenkind heißt mit Vornamen zum Glück nicht "Klinsmann" oder "Touareg". Die Eltern haben sich für einen kaum weniger bescheidenen, griechischen Namen entschieden: Adonis – "schöner Jüngling". Und für den fünfjährigen Adonis aus Quito gibt es im Moment nichts Größeres als sein Traum, bei der kommenden Fußballweltmeisterschaft in Deutschland dabei zu sein: vielleicht einmal den echten Beckenbauer sehen, einmal auf einer deutschen Autobahn fahren, zumindest einmal im Leben in dieses wundersame Land reisen, wo der Rasen immer gemäht ist und wo die Fußbälle immer prall gefüllt sind.

Nach unserer Ticketbewerbung für die WM 2006 fehlt Adonis und mir eigentlich nur noch Losglück. Das werden wir wohl tatsächlich dem Schicksal überlassen müssen. Eigentlich schade, dass man da nicht unter der Hand was machen kann... ENDE

 

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